Der
NATO-Krieg gegen Jugoslawien ist zu Ende, doch Frieden auf dem Balkan
noch nicht in Sicht. Die Menschen in Jugoslawien - Kosovo-Albaner,
Roma und Serben - stehen vor den Trümmern ihrer zerstörten
Heimat - und die Welt vor einem Haufen Fakten, Ungereimtheiten und
Fragen, für die es offenbar keine einfachen Erklärungen
gibt. Auch für eine endgültige Bewertung dieses Krieges
scheint es noch zu früh. Trotzdem müssen wir fragen, was
dieser Krieg gebracht hat und welche Folgen er haben wird: für
die Verhältnisse auf dem Balkan, in der Welt und bei uns hier in
Deutschland.
Der Kosovo-Krieg kennt keine Gewinner - oder doch?
Haben die Menschenrechte gesiegt?
Der Krieg der NATO wurde im Namen der Menschenrechte geführt -
unter Mißachtung der UNO und des Völkerrechts, die - wie
unvollkommen auch immer - gerade der Garant für die international
anerkannten Menschenrechte und die Grundlage für die bisherige
und weitere Entwicklung eines weltweiten gemeinsamen
Menschenrechtsverständnisses sind.
Wie aber verhält es sich mit dem Rechts- und
Menschenrechtsverständnis dieses Bündnisses,
- das zum Schutze des Lebens der einen, in diesem Fall der
Kosovo-Albaner, das Leben anderer, nämlich serbischer
Zivilisten, vernichtet und die Opfer dann auch noch als
Kollateralschaden bezeichnet?
- das bei einer angeblich humanitären
Aktion verbotene Streubomben einsetzt, die aus
Gründen der Terrorisierung und Verunsicherung des
Kriegsgegners bewußt so angelegt sein sollen, daß
5 % bis 10 % von ihnen nicht gleich, sondern erst später
explodieren - mit der Folge, daß sie - wie jetzt im
Kosovo - noch im Frieden Menschen verletzen und
töten?
- das in seinen Reihen einen Verbündeten duldet wie die
Türkei, die selbst schwerste Menschenrechtsverletzungen
begeht (politische Inhaftierungen, Folter, Morde,
Hinrichtungen) und ihre Minderheiten, die Kurden, gnadenlos
verfolgt?
- das zum Anführer ein Land wie die USA hat, in dem
allen internationalen Protesten zum Trotz noch immer die
Todesstrafe, eine von der UNO geächtete Form der
grausamen und unmenschlichen Bestrafung, vollstreckt wird?
- dessen Mitglieder sich nicht genieren, zu
menschenrechtsverletzenden Regimen in aller Welt beste
wirtschaftliche Beziehungen zu unterhalten und diese mit
Waffen zu beliefern, und die im Interesse eben solcher
Beziehungen zur drohenden Ausrottung eines ganzen Volkes und
seiner Kultur (wie der Tibeter durch China) immer wieder
schweigen?
- dessen mächtigster Partner USA wiederholt
menschenrechtsverletzende Regime in den Sattel gehoben oder an
der Macht gehalten hat (Chile, Haiti, Nicaragua) und
mißliebige Regierungen in seinem Hinterhof
mal eben beseitigt (Grenada) oder jahrelang drangsaliert
(Kuba)?
- dessen Mitglieder USA und Großbritannien
fortwährend und ohne UN-Mandat den Irak bombardieren und
einsichts- und gnadenlos an der Aufrechterhaltung sinnloser
Sanktionen festhalten, die bereits Zehntausende von
Zivilisten, vornehmlich Kinder, Alte und Frauen, das Leben
gekostet haben?
- dessen Mitglied Deutschland sich für
Bürgerrechte von Volksgruppen in anderen Ländern
(z.B. für Deutschstämmige in Polen und
Rußland, für Bosnier, Kroaten, Kosovo-Albaner)
starkmacht, im eigenen Staatsbürgerrecht aber nicht
dafür sorgt, daß hier seit Generationen lebende und
steuerzahlende Mitbürger ausländischer Herkunft
gleiche Rechte bekommen?
- dessen Mitglieder den weltweiten Terrorismus und
Drogenhandel angeblich bekämpfen, aber mit einer
Organisation wie der kosovo-albanischen UCK, die sich
bekanntermaßen durch Drogenhandel finanziert und vor dem
Kosovo-Krieg etliche kriegstreiberische Provokations- und
Terrorakte gegen Serben und Albaner im Kosovo verübt hat,
zusammenarbeiten und sie auch noch zur
Befreiungsarmee stilisieren? (Die amerikanischen
und deutschen Nachrichtendienste CIA und BND sollen sich sogar
um die Kontrolle über die UCK gestritten haben und werden
noch zu fragen sein, wieviel von der kompromißlosen, zum
Krieg führenden Konfrontation im Kosovo sie selbst mit zu
verantworten haben.)
Die Liste dieser Beispiele und Fragen ist keineswegs
erschöpfend und ließe sich noch endlos fortsetzen. Um allen
Mißverständnissen vorzubeugen: Die darin zum Teil
aufscheinenden Vorwürfe der Tatenlosigkeit sollen nicht bedeuten,
daß noch mehr humanitäre Interventionen nach
Art des Krieges gegen Jugoslawien gestartet werden sollten. Sie sollen
vielmehr aufzeigen, daß das Engagement für die
Menschenrechte keineswegs gleichmäßig, sondern oft
höchst selektiv und opportunistisch, wenn nicht gar
fragwürdig und heuchlerisch ist, und es genau an dem fehlt, was
die Menschenrechtssituation verbessern und gewaltsame Eskalationen
vermeiden helfen könnte: ein konsequentes und stetiges Engagement
mit friedlichen Mitteln, sowohl in der täglichen Politik im
eigenen Land als auch in den internationalen Beziehungen.
Was angesichts der genannten Beispiele prädestiniert und
berechtigt das militärische Bündnis der NATO dazu, sich
eigenmächtig zum internationalen Sachwalter der Menschenrechte
aufzuschwingen, das Gewaltmonopol der UNO zu brechen und sich das
Recht dazu auch für die Zukunft vorzubehalten, indem es in seiner
neuen NATO-Strategie Out of area-Interventionen vorsieht
und damit den Krieg ausdrücklich zum Mittel der Politik
erklärt?
Der Krieg kann und darf kein Mittel zum Schutz der
Menschenrechte sein, schon deshalb nicht, weil er die Verletzung von
Menschenrechten ins Kalkül zieht und das oberste und grundlegende
Recht - das Recht auf Leben - verneint!
Sollte die Tragödie auf dem Balkan uns nicht wenigstens dieses
eine lehren?
Am 24. März 1999 begann der NATO-Bombenkrieg gegen
Jugoslawien. Dieser Krieg ist zu Ende. Und die Folgen? Wir fragen,
erinnern und informieren
- an jedem 24. im Monat, 16 - 20 Uhr, am Dom
(Römerbogen) -
Mahnwache für Frieden
und Versöhnung auf dem Balkan
Friedensarbeitskreis PAX
AN, c/co Allerweltshaus, Körnerstr. 77.79, 50823 Köln,
V.i.S.d.P. K. Fischer