Protest einer Pazifistin im Kölner Dom während des
Soldatengottesdienstes am 30. Januar
Ursula Scholz, Köln 1. Februar 2003
"Ich trat auf den Mittelgang und ging, die Bombenattrappe hoch über
meinem Kopf haltend in Richtung Meisner und Kanzel und kam fast bis
zur Altarabsperrung. Dann fielen die Domschweizer über mich her."
Anlässlich des o.g. Soldatengottesdienstes, der einmal im Jahr im Kölner
Dom
stattfindet (in diesem Jahr am 30.1.) und von Kardinal Meisner für die
Soldaten der NATO zelebriert wird und gegen den seit 1997 von der
Friedensbewegung protestiert wird, ist mir folgendes passiert. Sieser
Gottesdienst ist mir, seitdem er mir bekannt ist, ein Dorn im Auge und
in diesem Jahr war er das besonders, da Kardinal Meisner am
vorhergehenden Sonntag zu einem Friedensgebet im Dom aufgerufen hatte.
Und da vor zwei Jahren schon einmal die bewundernswerte Friedensfreundin
Hanna Jaskolski, die zur Zeit wegen Aktionen zivilen Ungehorsams im
Gefängnis sitzt, eine Einzelaktion im Dom
gestartet hatte, statt sich mit Protesten auf
der Domplatte zu begnügen, beschloss ich, in diesem Jahr Ähnliches zu tun.
Dazu hatte ich mir aus stabilem, aber biegsamen knallrotem Plastik eine
Bomben/Raketen-Atrappe ausgeschnitten, etwa so gross wie ich vom Hals bis
kurz vor den Knien. Diese hatte ich in schwarzen Buchstaben mit dem Text -
"Du sollst nicht töten" 5. Gebot - beklebt und sie mir mit einem Gummiband
am Körper unter meinem Mantel festgebunden. In der Manteltasche hatte ich
eine kleine Schere mitgenommen.
Ich kam unbehelligt etwa eine Stunde vor Beginn in den Dom und konnte mir
einen guten Platz hinter den reservierten ersten 13 Reihen direkt am
Mittelgang aussuchen. Dort erlebte ich den Einzug der ganzen militärischen
Prominenz einschliesslich unseres Herrn Kriegsministers, der zugehörigen
Damen in jeder Menge Pelzmänteln, der beteiligten Soldaten und schliesslich
Kardinal Meisners mit seinem Gefolge.
Ich machte den Gottesdienst mit bis zu dem Moment, da Kardinal Meisner
seine
Predigt begann. Da öffnete ich unauffällig meinen Mantel und schnitt mit
der Schere das Gummiband durch, so dass ich die Bombe/Rakete in den Händen
hielt, trat auf den Mittelgang und ging, die Bombe hoch über meinem Kopf
haltend in Richtung Meisner und Kanzel und kam fast bis zur
Altarabsperrung.
Dann fielen die Domschweizer über mich her und das meine ich wörtlich. Der
erste von drei hünenhaften Männern packte mich von hinten an Schultern und
Armen , riss mich herum und begann, mich äusserst unsanft, ja, geradezu
brutal in Richtung Ausgang zu schubsen und zu zerren. Ein zweiter riss mich
an meinem linken Arm vorwärts, so dass ich Mühe hatte, auf den Beinen zu
bleiben. Ein dritter kam noch dazu, der mich nach vorne abschirmte, mich
aber
nicht anfasste. Inzwischen hatte der erste mir auch die Bombenattrappe
entrissen und in den Gang geschleudert. Ich rief mehrere Male laut, sie
möchten mich loslassen, ich könne alleine gehen, das nützte nichts. Ich
verlangte, meine Handtasche mitnehmen zu können, die ich in der Bank hatte
stehen lassen, das wurde mir verwehrt, allerdings gelang es mir, sie im
Vorübergehen zu schnappen. Erst kurz vor dem Ausgang, wo Schulklassen von
Kindern standen, die ausgesprochen verängstigt guckten, liessen sie mich
los,
drängten mich zum Ausgang und stiessen mich aus dem Dom, wo schon die Kripo
auf mich wartete. Dort wurden meine Personalien überprüft und dann wurde
ich
laufengelassen. Die beteiligten KripobeamtInnen haben sich absolut korrekt
benommen, ich glaube bei der Beamtin sogar eine gewisse Sympathie
wahrgenommen zu haben. Ob die Kirche nun Anzeige erstattet, weiss ich
nicht,
interessiert mich aber auch nicht besonders. Sollte es so sein, werde
ich auf
jeden Fall Gegenanzeige wegen des Verhaltens der Domschweizer erstatten.
Ausserdem werde ich mich ohnehin mit einer Anwältin in Verbindung
setzen, um
die im Dom zurückgebliebene Bombenatrappe zurückzufordern, sie ist
schliesslich mein Eigentum und hat mich einige Stunden Arbeit und die
Gruppe
PAX AN!, in der ich hauptsächlich mitarbeite, Geld gekostet.
Ich möchte betonen, dass ich überzeugte Pazifistin bin und zwar
keine
von der Sorte, die Alice Schwarzer als "blauäugig" bezeichnet und die es
meiner Erfahrung nach nur sehr selten in der Friedensbewegung gibt. Meine
Aktion war vollkommen gewaltfrei, lautlos, ich habe mich in keiner Weise
gewehrt und hätte auch auf mündliche Aufforderung hin den Dom verlassen,
nur
hat das niemand versucht, s.o. Und ich denke, um eine Kirche, der frau
im Dom
das Wort Gottes vorhält und die das als "Störung" bezeichnet, die es
anscheinend rechtfertigt, derart brutal gegen die "Störerin" vorzugehen,
ist
es sehr schlecht bestellt.
Ich selbst bin wegen der doppelzüngigen Haltung auch der evangelischen
Kirche
zu Krieg und Militär vor ca. 30 Jahren aus dieser ausgetreten und kann
seitdem auch keine wesentlichen Unterschiede feststellen.
Da ich einen recht kaputten Rücken habe und mir erst kürzlich wieder zwei
Rückenwirbel gebrochen habe, hat mir die Behandlung, eher Misshandlung
durch
die Domschweizer an dem Tag und in der folgenden Nacht grausame
Rückenschmerzen eingebracht. Jetzt ist es etwas besser. Eigentlich hätte
ich
heute zu einem Arzt/einer Ärztin gehen müssen, das weiss ich, aber nach
einer
schlaflosen Nacht war ich dazu heute nicht in der Lage und jetzt ist
Freitag
nachmittag. [...]
Ja, diese Geschichte wollte ich Euch erzählen, denn obwohl, was ich aber
nicht genau weiss, Presse zugegen war, ist davon kein Wort in den Kölner
Zeitungen erschienen und mir scheint diese Praxis so gravierend und
bezeichnend, dass ich auf jeden Fall Öffentlichkeit herstellen möchte.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr etwas für mich tun könntet, für
weitere
Informationen stehe ich auch gerne zur Verfügung und verabschiede mich mit
feministischen und friedlichen Grüssen
Ulla Scholz